Mit Beginn der Sommersaison 2026 haben am Fuße des Dachsteins gleich drei neue Wirt:innen ihre Hütten übernommen. Einer von ihnen ist Patrik Husar auf dem Guttenberghaus in Ramsau.
Auf 2.146 Metern beginnt für Patrik Husar der Arbeitstag mit einem Ausblick, für den andere erst einmal einige Höhenmeter zurücklegen müssen: von den Schladminger Tauern über das Tote Gebirge bis zu den Niederen Tauern. Seit Anfang Juni führt der gebürtige Slowake gemeinsam mit seiner Frau Veronika das Guttenberghaus in Ramsau am Dachstein. Während andere hier oben Erholung suchen, ist der Berg für Familie Husar zum Alltag geworden. Nach 60 Jahren hat die höchstgelegene Alpenvereinshütte mit Übernachtungsgelegenheit der Steiermark damit einen neuen Pächter.
Für Husar ist das Leben auf einer Berghütte kein unbekanntes Terrain. Seit 2014 lebt er mit seiner Frau in Schladming, zuvor führte das Paar bereits gemeinsam eine Hütte am Ankogel in Kärnten. Als sich die Gelegenheit zur Übernahme des Guttenberghauses bot, musste deshalb nicht lange überlegt werden. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden“, erzählt Husar.
Auf dem Guttenberghaus treffen dabei ganz unterschiedliche Bergmenschen aufeinander: Wandernde legen eine Pause ein, Klettersteiggeher:innen stärken sich für die nächste Etappe und Übernachtungsgäste lassen den Tag auf der Terrasse ausklingen. Platz gibt es dafür reichlich: 65 Betten, ebenso viele Sitzplätze in der Gaststube und weitere 42 auf der Terrasse.
Mit dem Guttenberghaus hat Husar aber nicht nur eine Hütte übernommen, sondern auch ein Stück alpiner Geschichte. Schließlich gilt es als letzte Kaiserhütte, die noch unter den Habsburgern eröffnet wurde – gerade mal einen Tag vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Bis heute ist ihr ursprünglicher Charakter im Inneren nahezu unverändert erhalten.
Und auch in der Küche bleibt man dem Bodenständigen treu: Auf die Teller kommt, was für Husar zu einer Berghütte passt: „Eine kleine Jausenkarte, täglich wechselnde Hauptgerichte, viel Hausgemachtes und regionale Küche.“
Während der Saison lebt das gesamte achtköpfige Team auf der Hütte. Da wird selbst eine gewöhnliche Warenanlieferung schnell zur logistischen Angelegenheit: Alles, was oben gebraucht wird, muss schließlich erst einmal hinauf. Den Weg nach oben übernimmt zweimal pro Woche die Materialseilbahn: Sie bringt Lebensmittel und Waren auf 2.146 Meter, darunter auch die Lieferungen von Eurogast Landmarkt.
Noch kostbarer als Lebensmittel ist am Guttenberghaus allerdings etwas anderes: Wasser. „Eine eigene Quelle gibt es nicht, die Hütte ist vollständig auf Regen angewiesen“, schildert Husar. „Heuer ist es besonders trocken.“ Was andernorts selbstverständlich aus dem Hahn kommt, verlangt hier oben also nach Planung – und manchmal nach einem hoffnungsvollen Blick zum Himmel.
Abschrecken lässt sich der neue Hüttenwirt davon nicht. Im Gegenteil: „Unsere Vorgängerfamilie war 60 Jahre hier oben. Wir möchten ebenfalls viele Jahre hier verbringen.“ Wenn im Herbst schließlich Ruhe einkehrt und die Sommersaison endet, geht es für Familie Husar zurück nach Schladming. Ganz ohne Gastronomie und Berge geht es aber auch im Winter nicht: Dann arbeiten die beiden Wahlösterreicher:innen dort gemeinsam auf einer Skihütte.
Vom Guttenberghaus geht es noch einmal gut 600 Höhenmeter weiter hinauf. Auf 2.740 Metern führt Marie Luise Ester mit der Seethalerhütte die höchstgelegene Schutzhütte Oberösterreichs. Eigentlich hätte ihre Zeit am Dachstein langsam zu Ende gehen sollen: Nach vier Wintersaisonen sollte der Sommer 2026 für die gebürtige Stuttgarterin der letzte werden.
Dann kam alles anders. Im vergangenen Winter führte Ester gemeinsam mit Christoph Mitterer die Simonyhütte – und kam auf den Geschmack. Sie bewarb sich um die Seethalerhütte und übernahm sie am 9. Mai 2026. Exponierter könnte ihr neuer Arbeitsplatz kaum sein: Durch die Panoramafenster zeigen sich Hoher Dachstein und die Dirndln, vom Hügel hinter der Hütte reicht der Blick bis zum Großglockner und zum Bayerischen Wald.
So außergewöhnlich die Lage, so unterschiedlich sind die Gäste. „Von Menschen in Birkenstock-Schlapfen bis hin zu Hyperkletterern ist alles dabei“, erzählt Ester. Rund 200 Sitzplätze stehen innen und außen zur Verfügung. Auf der bewusst kleinen Karte finden sich Debreziner mit Sauerkraut und Kaspressknödel ebenso wie vegane, gluten- oder laktosefreie Gerichte. „Wir haben keinen Riesenkatalog, aber dafür für jeden etwas.“
Am Abend zeigt sich, dass die 2019 errichtete Seethalerhütte weit mehr als ein Ausflugsziel ist. Neben 23 regulären Schlafplätzen stehen zahlreiche Notlager zur Verfügung. Immer wieder klopfen spätabends Bergsteiger:innen an, die die Dachstein-Südwand oder einen der Klettersteige unterschätzt haben. „In solchen Momenten merkt man, warum es die Seethalerhütte als Schutzhütte braucht.“
Auch hinter den Kulissen gelten auf 2.740 Metern andere Regeln. Wasser und Abwasser gehören zu den größten Herausforderungen, der Rückgang des Gletschers verschärft die Situation zusätzlich. „Früher konnten Waren mit dem Quad über den Gletscher transportiert werden. Seit Anfang Juni ist das kaum mehr möglich“, so die Hüttenwirtin. Mittlerweile übernimmt der Hubschrauber: Rund alle zweieinhalb bis drei Wochen bringt er Lebensmittel und Getränke hinauf und nimmt auf dem Rückweg erstmals das Abwasser mit. „Das gab es in der Form noch nicht, funktioniert aber 1A.“
Wie knapp die Ressourcen sind und welcher Aufwand hinter dem Hüttenbetrieb steckt, sollen auch die Gäste erfahren. Das Team hat die Hütte deshalb zum kleinen Lehrpfad gemacht: Infoblätter erklären, woher das Wasser kommt, wie viel davon verbraucht wird und welcher Aufwand hinter einem Essen oder Getränk steckt. Gerade Tagesgäste von der Bergstation am Hunerkogel bringen mitunter andere Erwartungen mit. „Da ist das Verständnis nicht immer da, dass wir eben keinen Cappuccino mit Matcha-Krone haben“, sagt Ester. Wasser kommt hier eben nicht einfach aus der Leitung und Strom nicht selbstverständlich aus der Steckdose. „Die Gäste verlassen unsere Hütte danach mit einem ganz anderen Verständnis dafür.“
Im Juli und August stemmen rund sechs Mitarbeitende den Betrieb, zu Saisonbeginn und -ende übernehmen meist Ester und ihr Partner Jakob alles, was anfällt. „Zu zweit ist das natürlich eine ordentliche Herausforderung.“
Dass Ester dieses Leben liegt, kommt nicht von ungefähr. Verwandte in St. Veit im Pongau brachten sie schon früh regelmäßig in die Berge – im Sommer zur Heuarbeit, im Winter zum Skifahren. Ein Jahr setzte sie zwischenzeitlich vom Dachstein aus. „Ich habe es aber nicht ausgehalten und bin wieder zurück.“ Diesmal dürfte Ester so schnell nicht wieder gehen.
Für die dritte Station führt der Weg wieder hinunter – dorthin, wo der Dachstein nicht weniger beeindruckend, die Almwelt aber eine ganz andere ist. Auf knapp 1.500 Metern haben Lara Steiner und Elisa Schrempf Anfang Mai die Bachlalm im salzburgerischen Filzmoos übernommen. Für die beiden Freundinnen ging damit ein Wunsch in Erfüllung, den sie schon länger mit sich herumgetragen hatten. „Wir fanden es schon immer cool, einmal etwas Eigenes zu machen“, erzählt Steiner. Warum also nicht gemeinsam? „Zu zweit ist alles einfacher und es macht mehr Spaß. Auch bei Problemen findet man so schneller eine Lösung.“
Dabei bringen die beiden ganz unterschiedliche Erfahrungen mit. Steiner kommt aus der Gastronomie, Schrempf ist Quereinsteigerin und arbeitete zuvor in einer Apartmentvermietung in Schladming. Auf der Alm ist die Arbeit entsprechend verteilt: Während Schrempf dafür in der Küche sorgt, dass der Nachschub nicht ausgeht, hält Steiner im Service die Stellung. Unterstützung bekommen die beiden von drei Mitarbeitenden – und „ganz viel Hilfe von der Familie“.
Dass die beiden neuen Pächterinnen hier oben nicht die einzigen sind, die Aufmerksamkeit bekommen, wird spätestens hinter der Hütte klar. Dort warten die eigentlichen Stars der Bachlalm: Murmeltiere. Die sonst eher scheuen Nager sind hier ungewöhnlich zutraulich und gerade deshalb ein Magnet für Familien mit Kindern. „Die klettern einem sogar auf den Schoß“, erzählt die Hüttenwirtin.
Und auch sonst entspricht die Umgebung so manchem Almklischee: Rund um die Hütte liegen Wiesen mit Kühen, direkt davor ragt das Dachsteinmassiv auf, dahinter zeigt sich der markante Rötelstein. In die andere Richtung öffnet sich der Blick in die Schladminger Tauern. Dazwischen führen gemütliche Wege durch das Almgebiet und anspruchsvollere Touren weiter hinauf in die Berge.
Doch auch fürs Sitzenbleiben gibt es gute Gründe, wie spätestens ein Blick auf die Speisekarte zeigt. Besonders bekannt ist die Bachlalm für ihre Mehlspeisen: Buchteln mit Vanillesauce stehen ebenso zur Auswahl wie täglich wechselnde hausgemachte Kuchen und Torten. „Unsere Bueno-Torte ist ein richtiger Renner“, freut sich Steiner. „Gerade weil es sie nicht überall gibt, kommt sie bei den Gästen besonders gut an.“
Anders als auf den beiden vorherigen Stationen endet der Besuch auf der Bachlalm allerdings spätestens am Abend: Übernachtungsmöglichkeiten gibt es keine, die Alm ist ein reiner Tagesbetrieb, der innen wie außen jeweils rund 70 Gästen Platz bietet. Dafür ist der Weg hinauf vergleichsweise unkompliziert: Vom Parkplatz am Schranken geht es in rund einer Stunde zu Fuß zur Alm, alternativ pendelt ein Shuttlebus, der sogenannte Murmeltier-Express, den Tag über zwischen Tal und Hütte.
Bis Mitte oder Ende Oktober soll die erste Saison dauern – je nachdem, wie lange das Wetter mitspielt. Dann kehrt auf der Bachlalm erst einmal Ruhe ein und für Steiner und Schrempf geht damit ihr erster Almsommer zu Ende. Bis dahin wachsen die beiden weiter in ihr neues Hüttenleben hinein – und machen genau das, was sie sich vorgenommen haben: gemeinsam ihr eigenes Ding.
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