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Eine Frage
der Handschrift

Dieser Herbst fühlt sich für Marlies Hanke ungewohnt an. Die letzten Trauben sind längst gelesen – und draußen zeigt sich der Herbst noch von seiner sommerlichen Seite. „Das kennt man als Winzerin eigentlich nicht“, sagt die Niederösterreicherin. Schon als Kind war klar: Mit Schulbeginn begann die Weinlese, bis Allerheiligen nahm man sich besser nichts vor. Heuer aber war bereits nach zehn Lesetagen in der zweiten Septemberhälfte Schluss. Frost und Trockenheit sorgten für eine kleine Ernte, zugleich wird das Zeitfenster für die Traubenernte immer enger. „Früher dauerte sie vier bis sechs Wochen.“ Heute gibt vor allem das Klima den Takt vor.

Mit weiblicher Note

Wie sehr sich der Weinbau verändert hat, erlebt Marlies Hanke seit mittlerweile 17 Jahren aus nächster Nähe. 2009 stieg sie in den rund 90 Jahre alten Familienbetrieb in Furth-Palt ein, den sie heute in zweiter weiblicher Generation führt. Ihr Weg führte zunächst über Vertrieb und Marketing, die fachlichen Ausbildungen folgten nach und nach. Im Keller entwickelte sich mit der Zeit ihre eigene Vorstellung davon, was einen guten Wein ausmacht. „Mittlerweile trägt jeder Wein meine Handschrift“, sagt die Winzerin. Dass Frauen grundsätzlich die besseren Weine machen, würde Hanke nicht behaupten, einen gewissen „weiblichen Feinschliff“ erkennt sie bei sich und ihrer Mutter dennoch. Etwa, wenn es um Feinfühligkeit, Geschmackssinn und das richtige Gespür für den Wein geht.

Besonders deutlich kommt ihr persönlicher Stil bei den Ortsweinen zum Ausdruck. Sie bilden das Mittelstück des Sortiments und reihen sich damit zwischen den unkomplizierten Einstiegsweinen und den charakterstarken Einzellagen ein. Warum gerade dort, verdeutlicht Hanke mit einem Vergleich, der eher in die Küche als in den Weinkeller führt: „Das ist wie bei der Rindsuppe oder beim Salatdressing. Gerade bei den vermeintlich einfachen Dingen müssen die Details stimmen, und genau daran erkennt man die Handschrift.“

„Das ist wie bei der Rindsuppe oder beim Salatdressing. Gerade bei den vermeintlich einfachen Dingen müssen die Details stimmen, und genau daran erkennt man die Handschrift.“

Marlies Hanke, Weingut Müller-Grossmann

Weniger ist mehr Wein

Ihren Weinen Charakter zu geben, bedeutet für Hanke aber auch, ihnen möglichst wenig vorzuschreiben. „So viel wie notwendig, so wenig wie möglich“, lautet ihr Grundsatz. Das Weingut arbeitet biologisch, die Weine vergären spontan. Und weil kein Weinjahr dem anderen gleicht, darf man das später auch im Glas schmecken. „Jeder Jahrgang bringt seine Besonderheit mit. Er darf erzählen, wie warm die Tage oder wie kühl die Nächte waren, wie das Wetter mitgespielt – oder eben nicht mitgespielt – hat.“ Der biologische Anbau ist für Hanke dabei weit mehr als eine Frage des Geschmacks. Es gehe darum, die Ressourcen so zu nutzen, „dass auch unsere Kinder damit weiterarbeiten können“.

Die Grundlage dafür liegt rund um den Göttweiger Berg, wo Löss auf karge, steinige Böden trifft. Elf Hektar bewirtschaftet Müller-Grossmann hier im südlichen Kremstal, rund 90 Prozent der verarbeiteten Trauben stammen aus den eigenen Weingärten. Mit den Jahren hat Hanke die Besonderheiten der einzelnen Lagen immer besser kennengelernt und ein feines Gespür dafür entwickelt, welche Trauben sich für welchen Wein eignen. Denn eines steht für sie fest: „Ein guter Wein beginnt im Weingarten.“ In einem durchschnittlichen Jahr entstehen am Weingut rund 55.000 bis 60.000 Liter Wein, verteilt auf ein Sortiment von 18 Weinen, darunter auch Schaumweine und alkoholfreier Sekt. Nicht jeder davon wird allerdings jedes Jahr produziert.

Wein trifft Teller   

Seit vergangenem Jahr wird am Weingut Müller-Grossmann nicht nur Wein gemacht, sondern auch aufgetischt. Die Idee für einen eigenen Heurigen trug Hankes Mann schon länger mit sich herum. Irgendwann, sagt sie, sei sie gereift und gewachsen – „wie die Trauben.“ 2025 wurde erstmals ausgeschenkt, heuer folgte die zweite Auflage. Bei der klassischen Heurigenplatte allein bleibt es dabei nicht: Weil Hankes Mann gerne kocht und beide kulinarisch neugierig sind, darf es auch „Rehtello Tonnato“ vom selbst erlegten Reh, sauer marinierte Ochsenzunge oder Fenchel mit regionalem Schafkäse sein.

Bei aller kulinarischen Experimentierfreude zählt für Hanke beim Wein aber vor allem eines: „Die Weine sollen Spaß machen.“ Spaß, den sie auch nach 17 Jahren im Betrieb selbst nicht verloren hat. „Es ist kein Tag wie der andere. Das macht es sehr spannend.“ Und was kommt bei der Winzerin nach getaner Arbeit ins Glas? „Je nach Lust und Anlass darf es ein Grüner Veltliner, Riesling oder Burgunder sein – gerne aber auch ein Wein von Kolleg:innen aus Österreich oder darüber hinaus.“

Zum Betrieb

Marlies Hanke führt das rund 90 Jahre alte Weingut Müller-Grossmann in Furth-Palt im Kremstal bereits in zweiter Generation in Frauenhand. Auf elf Hektar Rebfläche wachsen unter anderem Grüner Veltliner, Chardonnay, Gelber Muskateller, Weißburgunder und Zweigelt. Das Sortiment umfasst rund 18 Weine, darunter auch Schaumweine und alkoholfreier Sekt. Zwei Mitarbeitende sind ganzjährig im Betrieb beschäftigt, zur Weinlese wächst das Team auf acht bis zehn Personen.

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